Warum vegan?

Ich erinnere mich noch gut an meine letzte Fleischmahlzeit. Es war im September 2019 und es war der Hahn. Den Hahn hatte ich zuvor von meinem Bruder, in dessen Garten Hühner, Enten und Gänse herumlaufen, zum Geburtstag geschenkt bekommen und ich habe ihn selbst zerlegt und alle Teile verwendet, Brühe gekocht und Fesendschan gekocht, das ich zusammen mit meinem besten Freund als Urlaubsauftakt gegessen hatte. Es war gut, aber es war auch genug. Eigentlich war ich nie so ein großer Fleischfan. Eigentlich mochte ich am Fleisch am liebsten die Soße und das Fleisch aß ich dann eben mit, weil es dazu gehört.

Die armen Tiere

In meiner Familie wird leidenschaftlich gern gekocht und gegessen, Fleisch und Käse sind meistens die Hauptakteure. Vegetarismus ist kein Thema und wenn, dann als etwas, das uns nicht betrifft. Schließlich sei der Mensch ein Allesfresser und Tiere essen liege in unserer Natur. Außerdem habe ich am Vegetarismus nie verstanden, wie man Tiere essen moralisch verwerflich finden kann, aber Milchprodukte und Eier sind in Ordnung. Wieso zieht man eine Grenze zwischen Tier und tierischem Produkt und argumentiert mit Tierwohl, wenn für beides Tiere leiden müssen? Mir tut die Milchkuh, die Kälber austragen und mit einem dicken, schmerzenden Euter auf viel zu wenig Platz herumstehen muss, während sie ihr Kalb in der Regel nicht zu Gesicht bekommt, mehr leid, als das Vieh, das einfach nur geschlachtet wird.

Ein bisschen schwanger

Veganismus existierte in meiner Welt gar nicht, bis ich mit 18 das erste Mal davon gehört hatte. Damals sprachen wir über den Nachbarn meines Bruders, der auf alle tierischen Produkte verzichten wollte, und darüber, dass selbst fossile Ressourcen wie Erdöl und somit auch Plastik letztendlich aus Lebewesen bestehen. Auf alle tierischen Produkte könne man also unmöglich verzichten, denn das betrifft ja auch Kleidung, Schuhe oder andere Dinge im Haushalt. In meinem Kopf manifestierte der Gedanke: Veganismus ist in der Theorie ganz nett, aber nicht realisierbar.

Aber vegan zu sein funktioniert eben nicht so wie schwanger zu sein. Während es bei dem einen Zustand ein klares Entweder-Oder gibt, ist das andere ein Kontinuum. Vermutlich kannst du wirklich nicht zu hundert Prozent vegan leben und ich kenne keine Person, die das ehrlich von sich behauptet. Aber es gibt Unterschiede zwischen Menschen, die Wollpullover tragen und sich pflanzlich ernähren, und Menschen in Wollpullovern, die auf ihr tägliches Abendbrot mit Wurst und Käse bestehen.

Der Gedanke vom Veganismus als Utopie hielt sich eine lange Zeit hartnäckig in meinem Kopf und ich denke, viele andere Menschen denken genau so. Ich bewunderte Veganer, denn es gibt genug Argumente, die für diese Ernährungsform sprechen: Es gibt weniger Tierleid, vegane Ernährung ist umweltschonend, meistens billiger und fast immer gesünder. Die WHO stuft rotes Fleisch und Wurst als krebserregend ein und der gesundheitliche Nutzen von Milch ist zumindest sehr umstritten.

Es findet sich eigentlich für jeden ein passendes Argument, zumindest, wenn einem nur eines der Themen Gesundheit, Umwelt/Klimaschutz oder Tierwohl am Herzen liegt. Für mich war es das Thema Umwelt und der Aspekt, dass die Produktion von tierischen Lebensmitteln einfach nicht notwenig ist. Man kann Soja oder Getreide anpflanzen, es zu Viehfutter verarbeiten, das Vieh großziehen, schlachten und zu Menschenessen verarbeiten, oder man spart sich die letzten vier Schritte und isst das Soja oder Getreide direkt selbst. Dadurch spart man Ressourcen wie Wasser und Futter, reduziert Treibhausgase und als Bonus muss kein Tier leiden.

Der Umstieg von omnivor zu vegan war für mich schleichend, aber nie schwierig. Es begann, als ich immer mehr Zeit mit meinem Freund, der schon seit Jahren vegan lebt, verbrachte. Er aß zu der Zeit ab und zu Käse, ich aß alles wie bisher. Wenn ich Fleisch essen wollte, musste ich das für mich alleine bewusst entscheiden. Dadurch merkte ich, dass ich eigentlich gar keine Lust darauf habe, Fleisch zu essen, wenn sonst niemand Fleisch isst. Also ließ ich es einfach weg. Ich war überrascht, wie einfach das ist und je mehr ich in der veganen Küche ausprobierte, desto weniger vermisse ich tierische Produkte. Mir fällt zum Beispiel, abgesehen von einem Spiegelei vielleicht, keine Situation ein, in der ich ein Ei benötige. Nach und nach baute ich Frikadellen aus Auberginen, tauschte Milchjoghurt gegen Sojajoghurt, Kuhmilch gegen Hafermilch, und… oh, der Käse. Stimmt, da war was. Käse ist hart und war für mich auch jahrelang das Argument dafür, dass ich niemals vegan leben könnte. Es gibt zwar in der Tat ein paar Alternativen, die ich super finde (veganer Feta z.B.), aber so ein echter Blauschimmelkäse ist schon schwer zu imitieren. Doch zum Glück ist Veganismus eben keine Schwangerschaft und zu besonderen Anlässen genieße ich auch mal ein Stück Käse.

Dogmatisch?

Weihnachten 2019 war mein erstes veganes Weihnachten. Glücklicherweise finde ich am Weihnachtsessen die Beilagen, die Atmosphäre, die Musik und den Wein am interessantesten. Die Gans, Teil der Tradition, fehlte mir nicht. Eines Abends saßen wir beisammen, es gab Chips, die Sorte „Naturals Meersalz & Pfeffer“. Klingt vegan, aber ich checkte routiniert die Zutatenliste, entdeckte Süßmolkenpulver und lehnte dankend ab. Süßmolkenpulver ist übrigens nicht nur nicht vegan, sondern auch, wie viele Käsesorten, nicht einmal vegetarisch, da zur Herstellung tierisches Lab verwendet wird. Aber das nur am Rande. Aus der Verwandschaft erntete ich damit den Kommentar, man „müsse ja nicht alles so dogmatisch sehen“, denn der Anteil an Süßmolke sei ja sehr gering.

Ich finde, genau solche Kleinigkeiten machen den Unterschied. Wenn ein tierisches Produkt einem Nahrungsmittel zugesetzt wird, obwohl es weder Einfluss auf Geschmack noch Konsistenz hat, warum fügt man es dann überhaupt dem Produkt hinzu?

Eigentlich ist das sogar ein guter Punkt, um damit anzufangen, sich bewusster mit der eigenen Ernährung auseinanderzusetzen. Zutatenliste lesen, verstehen und darüber nachdenken, warum welche Zutat hinzugefügt wurde, ob sie notwendig ist oder ob man sie mit einer gesünderen, tier- und umweltfreundlicheren Alternative ersetzen kann. Ich finde, darüber können wir gerne alle etwas mehr nachdenken, sodass der Griff zur veganen Alternative in Zukunft selbstverständlicher wird.